Blogroman – Kapitel 1a

Blinzelnd betrachtete ich mein zerknittertes Gesicht im grellen Licht des Badezimmerspiegels und zog eine Grimasse. Ich hatte definitiv schon einmal besser ausgesehen. Viel besser. Um nicht zu sagen: Sehr viel besser. Okay, ich sah in der Tat fürchterlich aus. Es war also kein Wunder, dass Leonas mich verlassen hatte. Wer wollte schon mit so einem Schreckgespenst zusammen sein? So, wie ich im Moment aussah, konnte ich es problemlos mit jedem Gruselmonster der Welt aufnehmen. Allein meine Augen! Sie waren rot und verquollen und auch meine Nase schien nach einer weiteren verheulten Nacht deutlich an Umfang und Farbe gewonnen zu haben.
Angewidert fuhr ich mir durch das strähnige Haar.
Sexy.
Von diesem Zustand war ich, um der Wahrheit die Ehre zu geben, ungefähr so weit entfernt, wie vom Mond.
Doch wie hatte mich meine beste Freundin Mo erst am vergangenen Abend auf ihre gewohnt liebevolle Art getröstet?
Das Leben geht weiter.
Ja, natürlich, nur eben ohne Leonas – und nach drei Jahren Beziehung war das schon eine ganz schöne Veränderung.
Was mich allerdings besonders schmerzte, war der Umstand, dass ich es gar nicht bemerkt hatte, dass zwischen uns irgendetwas ganz gewaltig schief zu laufen schien. Nun gut, ich musste zugeben, dass ich ihn in den letzten Wochen vielleicht ein wenig vernachlässigt hatte. Doch seit Lexi ihr Geschäft in eine der belebteren Einkaufsstraßen von Glasgow verlegt hatte, kamen wir vor lauter Aufträgen kaum noch hinterher. Und eigentlich war das ja auch gut, oder etwa nicht? Was konnte es Besseres geben, als eine zufriedene Kundschaft?
Einen zufriedenen Partner vielleicht?
Zerknirscht rümpfte ich meine verdächtig angeschwollene Heul-Nase.
Das Projekt ‚glückliche Beziehung‘ hatte ich wirklich mehr als erfolgreich in den Sand gesetzt. Von einem Tag auf den anderen war ich allein in unserer viel zu großen Wohnung. Selbst sein Haarshampoo hatte Leonas mitgenommen. War es möglich, dass eine Wohnung einen vollkommen anderen Klang bekam, wenn man verlassen worden war?
Angestrengt lauschte ich in die Stille hinein.
Sie klang definitiv anders. So… einsam.
Wie sollte ich das alles nur ohne ihn schaffen? Wenn ich nur an die Mietkosten dachte, bekam ich augenblicklich Kopfschmerzen. Und das war ja auch nur der rein materielle Aspekt. Über mein Gefühlschaos wollte ich mir lieber gar nicht erst den Kopf zerbrechen.
Also, keine Gefühle.
Entschieden tupfte ich mir die Augen trocken.
Ich musste mich auf meine Miete konzentrieren. Ich brauchte einen Mitbewohner. Oder noch besser: eine Mitbewohnerin. Von Männern hatte ich jedenfalls erst einmal die Nase voll. Doch zuallererst musste ich mir wieder ein einigermaßen passables Aussehen zulegen. Ich musste duschen und mich anziehen. Irgendwie würde ich den heutigen Tag schon überstehen, irgendwie würde ich es schaffen, nicht an Leonas zu denken. Noch einen weiteren Tag würde mir Lexi garantiert nicht freigeben können.
Seufzend stellte ich ein Bein in die Dusche und schreckte augenblicklich zurück. Das Wasser war eiskalt. Dabei stand der Hahn wie gewöhnlich auf ‚Heiß‘.
„Bitte nicht auch noch das“, stöhnte ich flehend. Doch es half nichts, der Strahl blieb eisig.
Ich würde also erst einmal bei der Hausverwaltung anrufen müssen, denn Leonas war schließlich nicht mehr da, um das in die Hand zu nehmen. Noch so eine Sache, an die ich mich erst einmal gewöhnen musste.

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